Es ist ein seltsames Phänomen, das ich beim Programmieren mit KI immer wieder beobachte. Ich sitze ruhig da, arbeite konzentriert, lasse mir Code generieren – und plötzlich kippt etwas. Ich werde ungeduldig, gereizt und manchmal sogar richtig wütend. Ich merke, wie ich innerlich anfange, die KI anzufahren. Ich denke Dinge wie: „Das ist kompletter Unsinn“ oder „Das kann doch nicht so schwer sein“. Und obwohl ich genau weiß, dass das keinen Sinn ergibt – die KI fühlt nichts, sie versteht keine Aggression – passiert es trotzdem. Gerade beim Programmieren ist das besonders stark. Wenn ich Texte schreibe oder Ideen entwickle, bleibt das meist entspannt, aber beim Code wird es schnell emotional. Und genau das hat mich neugierig gemacht.
Programmieren mit KI als psychologisches Experiment
Ich habe irgendwann verstanden, dass das kein technisches Problem ist, sondern ein psychologisches. Die KI ist für mich kein klassisches Tool mehr, sondern ein Denkwerkzeug. Ich gebe ihr Struktur, sie gibt mir etwas zurück, das fast passt – aber eben nicht ganz. Und genau dieses „fast richtig“ ist der Punkt, an dem es kippt. Ich muss Dinge debuggen, die ich nicht selbst geschrieben habe, und Annahmen rekonstruieren, die ich nie explizit gemacht habe. Gleichzeitig habe ich den Anspruch, dass es eigentlich schnell und sauber funktionieren sollte. Das erzeugt eine Mischung aus Kontrollverlust und Erwartungsbruch, und genau daraus entsteht die emotionale Reaktion.
Mein Bully-and-Attack-Modus
Was ich dabei beobachte, lässt sich sehr gut mit einem Modell aus der Schematherapie beschreiben. Ich falle in einen Modus, den man dort als „Bully-and-Attack“ bezeichnet. Das ist ein Zustand, in dem ich angreifend, abwertend und ungeduldig werde. Ein Modus, der darauf abzielt, Druck auszuüben und Kontrolle zurückzugewinnen – auch wenn das objektiv keinen Sinn ergibt. Das Absurde daran ist offensichtlich: Ich versuche, Druck auf etwas auszuüben, das gar nicht darauf reagieren kann. Aber subjektiv fühlt es sich in dem Moment logisch an, als würde ich das Problem lösen, indem ich es attackiere. Und genau hier wird es interessant, denn das hat nichts mit der KI zu tun. Das bin ich.
Der Moment der Awareness
Der entscheidende Punkt ist für mich nicht, diesen Modus komplett zu vermeiden. Das funktioniert ohnehin nicht zuverlässig. Der entscheidende Punkt ist, ihn zu erkennen. In dem Moment, in dem ich merke: „Ich bin gerade im Bully-and-Attack-Modus“, passiert etwas Wichtiges. Ich bin nicht mehr vollständig darin gefangen, sondern habe wieder einen kleinen Abstand. Und genau dieser Abstand ist der Hebel, weil er mir ermöglicht, bewusst zu entscheiden, wie ich weiterarbeite.
Zurück in den Gesunden Erwachsenen
Aus der Schematherapie kommt auch die Gegenposition zu diesem Modus: der Gesunde Erwachsene. Wenn ich es schaffe, aus dem Attack-Modus wieder in diesen Zustand zurückzukommen, verändert sich sofort mein Verhalten. Ich werde ruhiger, präziser und klarer. Ich frage mich nicht mehr, warum die KI „so schlecht“ ist, sondern was genau ich unklar formuliert habe. Ich zerlege das Problem wieder in kleinere Schritte und beginne, strukturiert zu denken, statt emotional zu reagieren. Und plötzlich funktioniert die Zusammenarbeit wieder. Das ist kein Zufall, sondern genau der Zustand, in dem ich als Entwickler am besten arbeite.
Warum das beim Code so eskaliert
Mir ist auch klar geworden, warum das gerade beim Programmieren so stark auftritt. Code ist kompromisslos. Entweder er funktioniert oder er funktioniert nicht, es gibt kaum Grauzonen. Während ich bei Texten mit Unschärfen leben kann, blockiert mich schlechter Code sofort. Das erhöht den Druck, und unter Druck greifen genau die Muster, die ich eigentlich nicht haben will. Die KI verstärkt das zusätzlich, weil sie oft Dinge produziert, die sehr nah dran sind, aber eben nicht korrekt. Dieses „fast richtig“ zwingt mich, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, als wenn etwas komplett falsch wäre.
Was das über mich als Entwickler aussagt
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis für mich ist: Dieses Verhalten ist nicht neu, die KI macht es nur sichtbar. Der Bully-and-Attack-Modus ist ein Muster, das ich unter Frust aktiviere, und die KI ist ein perfekter Trigger dafür, weil sie mich permanent in genau diese Grenzsituationen bringt. Wenn ich das ernst nehme, ist das kein nerviges Nebenprodukt, sondern eine Trainingssituation. Ich lerne hier nicht nur, besser mit KI zu arbeiten, sondern mich selbst besser zu steuern.
Programmieren als Selbstführung
Für mich ist Programmieren mit KI mittlerweile auch eine Form von Selbstführung geworden. Ich beobachte mich, erkenne meine Zustände und übe, bewusst in einen funktionalen Modus zurückzukehren. Das ist keine theoretische Übung, sondern hat direkte Auswirkungen auf meine Arbeit. Ich schreibe bessere Prompts, denke klarer, mache weniger Fehler und komme schneller zu funktionierenden Lösungen.
Fazit
Was mich am meisten überrascht hat, ist nicht, dass KI manchmal nervt, sondern wie stark sie meine eigenen Muster sichtbar macht. Programmieren mit KI ist für mich nicht mehr nur ein technischer Prozess, sondern ein Spiegel. Und wenn ich diesen Spiegel ernst nehme, werde ich nicht nur ein besserer Entwickler. Ich werde ruhiger, klarer und effektiver in dem, was ich tue.
Ich werde in letzter Zeit immer wieder gefragt, wie ich eigentlich mit der aktuellen Weltlage klarkomme. Es wirkt auf viele so, als würde mich das erstaunlich wenig mitnehmen. Während in meinem Umfeld Menschen wirklich belastet sind von politischen Entwicklungen, von Kriegen, von wirtschaftlichen Unsicherheiten – Stichworte wie die Trump-Regierung, Konflikte im Iran oder steigende Preise reichen oft schon, um Stress auszulösen – bleibe ich vergleichsweise ruhig. Und ich verstehe diese Reaktion sehr gut, weil ich das selbst auch kenne. Das war bei mir lange Zeit nicht anders.
Es war nicht immer so
Ich kenne dieses Gefühl, dass die Welt „reinhaut“. Dass Nachrichten nicht nur Informationen sind, sondern emotional wirken. Dass man sich gedanklich festbeißt, Szenarien durchspielt, sich sorgt, sich ärgert und am Ende erschöpft ist, ohne irgendetwas verändert zu haben. Gerade wenn man sich für Zusammenhänge interessiert und Dinge verstehen will, kann das schnell kippen. Dann wird aus Interesse Grübelei, und aus Grübelei wird Belastung.
Was sich bei mir verändert hat
Der Unterschied heute ist für mich nicht, dass die Welt einfacher geworden wäre. Im Gegenteil. Der Unterschied ist, dass ich heute einen tragfähigen Sinnzusammenhang habe. Ich verwende bewusst dieses Wort, angelehnt an Martin Heidegger und seinen Begriff des Bewandtniszusammenhangs. „Purpose“ trifft es nicht ganz, weil es nicht nur um ein Ziel geht, sondern um ein Gefüge von Bedeutungen, in dem mein Handeln eingebettet ist.
Ich habe eine klare Vorstellung davon, was ich tue, was ich die nächsten Wochen, das nächste Jahr und auch langfristig aufbauen will. Ich weiß, was mir wichtig ist, welche Werte ich habe und was ich brauche, damit es mir gut geht. Und ich gestalte mein Leben aktiv danach. Dieser Zusammenhang ist nicht abstrakt, sondern konkret und handlungsleitend. Er gibt meinem Alltag Struktur und Richtung.
Die Schwerkraft des Sinns
Was ich dabei beobachte, ist, dass dieser Sinnzusammenhang eine eigene Schwerkraft hat. Er zieht mich immer wieder zurück in das, was für mich relevant ist. Wenn ich mich mit Nachrichten beschäftige oder mit globalen Entwicklungen, dann tue ich das bewusst und begrenzt. Ich informiere mich, ich denke darüber nach, ich ordne es ein – aber ich bleibe nicht darin hängen. Irgendwann lässt mich diese „Schwerkraft“ wieder losziehen in meine eigenen Themen.
Das bedeutet nicht, dass mir die Welt egal ist. Im Gegenteil. Ich nehme sie ernst, aber ich verliere mich nicht mehr in ihr. Ich unterscheide klar zwischen dem, was ich beeinflussen kann, und dem, was außerhalb meines Handlungsspielraums liegt. Und ich entscheide mich aktiv, meine Energie dort einzusetzen, wo sie Wirkung hat.
Warum Grübelei weniger wird
Früher war es oft so, dass ich mich an Problemen festgebissen habe, für die ich keine echte Handlungsperspektive hatte. Das erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht, und genau das ist psychisch belastend. Heute passiert das deutlich seltener, weil mein Fokus klarer ist. Ich habe genug eigene Projekte, Ziele und Verantwortungsbereiche, die meine Aufmerksamkeit binden. Dadurch entsteht weniger Raum für endlose Gedankenschleifen über Dinge, die ich ohnehin nicht verändern kann.
Das ist kein Zufall
Mir ist wichtig zu betonen, dass das kein Zufall ist und auch keine Persönlichkeitseigenschaft im Sinne von „ich bin halt so“. Das ist das Ergebnis von bewusster Arbeit. Sich einen tragfähigen Sinnzusammenhang aufzubauen, passiert nicht nebenbei. Es bedeutet, sich mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung zu übernehmen.
Fazit
Die Welt ist nicht weniger komplex oder weniger problematisch geworden. Aber mein Verhältnis zu ihr hat sich verändert. Ich lasse mich nicht mehr dauerhaft in Probleme hineinziehen, für die ich keine Lösung habe. Stattdessen orientiere ich mich an dem, was für mich sinnvoll ist und worauf ich Einfluss nehmen kann. Dieser Sinnzusammenhang gibt mir Stabilität. Und genau deshalb stresst mich die Welt heute deutlich weniger als früher.
Es gibt eine ganz bestimmte Art von Situation, die ich lange vor mir hergeschoben habe: Gespräche, in denen ich etwas ablehnen muss. Eine Absage formulieren, jemanden enttäuschen, Grenzen setzen – und dabei gleichzeitig fair, klar und respektvoll bleiben. Das sind genau die Momente, in denen ich merke, dass ich innerlich ins Schwimmen komme. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen, ich will nichts kaputt machen, und gleichzeitig weiß ich, dass ich eigentlich „nein“ sagen müsste. Genau in solchen Situationen habe ich angefangen, KI als Denkwerkzeug zu nutzen – aber nicht so, wie man es intuitiv machen würde.
Warum „Schreib mir eine Absage“ nicht funktioniert
Der erste Impuls ist oft naheliegend: Ich gebe der KI die Aufgabe, mir einfach eine Absage zu formulieren. Aber genau das ist der falsche Ansatz. Denn ein schwieriges Gespräch ist kein Textproblem, sondern ein Denkproblem. Wenn ich die Situation selbst nicht klar verstanden habe, wird auch die beste Formulierung nichts retten. Ich merke dann schnell, dass solche generierten Texte entweder zu weich sind, zu hart oder einfach nicht wirklich passen. Sie fühlen sich nicht nach mir an, weil sie nicht aus meiner eigenen Klarheit entstanden sind.
Der aristotelische Zugang: wohlberaten handeln
Was mir an der Stelle wirklich geholfen hat, ist ein Gedanke aus der Nikomachischen Ethik von Aristoteles. Dort geht es darum, dass gutes Handeln nicht einfach spontan entsteht, sondern dass man sich „wohlberaten“ der Sache nähert. Das bedeutet: Ich nehme mir Zeit, die Situation wirklich zu durchdenken, verschiedene Perspektiven zu betrachten und eine Entscheidung bewusst vorzubereiten. Genau hier wird die KI für mich interessant, weil sie mir helfen kann, diesen Beratungsprozess strukturiert zu führen.
KI als Sparringspartner statt Textgenerator
Ich nutze die KI nicht mehr, um mir fertige Antworten geben zu lassen, sondern als Sparringspartner. Ich beschreibe die Situation abstrahiert, ohne persönliche Details, und arbeite mich Schritt für Schritt durch die Fragen: Was ist eigentlich mein Ziel? Was sind meine echten Gründe für die Absage? Welche Interessen hat die andere Person? Wo liegt mein Konflikt? Die KI hilft mir dabei, diese Punkte zu sortieren, blinde Flecken zu erkennen und meine Gedanken zu präzisieren. Dadurch entsteht nicht einfach ein Text, sondern eine innere Klarheit. Und erst aus dieser Klarheit heraus formuliere ich dann selbst, was ich sagen will.
Datenschutz: Wie ich sensibel damit umgehe
Ein wichtiger Punkt dabei ist für mich der Umgang mit Daten. Wenn ich solche Gespräche vorbereite, geht es oft um persönliche oder berufliche Kontexte, und da will ich nicht leichtfertig Informationen preisgeben. Deshalb halte ich mich an ein paar einfache Prinzipien: Ich verwende keine Klarnamen, keine konkreten Firmennamen und keine identifizierbaren Details. Stattdessen abstrahiere ich die Situation so, dass sie strukturell gleich bleibt, aber keine Rückschlüsse auf reale Personen möglich sind. Das funktioniert erstaunlich gut, weil es für den Denkprozess ohnehin nicht auf die konkreten Namen ankommt, sondern auf die Dynamik der Situation.
Realismus und Grenzen
Natürlich ist mir bewusst, dass das keine perfekte Lösung ist. Selbst wenn ich keine sensiblen Daten eingebe, arbeite ich immer noch mit einem Account, der mir zugeordnet werden kann. Auch wenn es sich um europäische Anbieter handelt und Datenschutz eine Rolle spielt, bleibt ein Restrisiko. Langfristig wird es bessere Lösungen geben müssen, bei denen solche Prozesse wirklich anonym oder lokal stattfinden können. Ich arbeite selbst an so etwas, aber das ist noch nicht so weit, dass ich es hier sinnvoll einsetzen würde. Für den Moment geht es mir darum, bewusst und verantwortungsvoll mit den bestehenden Möglichkeiten umzugehen.
Der eigentliche Nutzen
Was sich für mich verändert hat, ist nicht nur die Qualität meiner Gespräche, sondern meine Haltung dazu. Ich gehe nicht mehr unvorbereitet oder aus einem diffusen Gefühl heraus in solche Situationen. Ich nehme mir vorher die Zeit, mich wohlberaten der Sache zu nähern. Die KI hilft mir dabei, meine Gedanken zu ordnen, aber die Entscheidung und die Verantwortung bleiben bei mir. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Ich delegiere nicht die Kommunikation, sondern ich verbessere mein Denken.
Fazit
Ein schwieriges Gespräch lässt sich nicht outsourcen. Aber ich kann den Prozess, der zu diesem Gespräch führt, deutlich verbessern. Wenn ich KI als Sparringspartner nutze und nicht als Ersatz für meine eigene Klarheit, dann entsteht etwas sehr Wertvolles. Ich werde ruhiger, strukturierter und sicherer in dem, was ich sagen will. Und am Ende führe ich das Gespräch immer noch selbst – aber deutlich besser vorbereitet.
Über mich
Ich habe mit Philosophie angefangen — und bin bei Software gelandet.
Seit über drei Jahrzehnten arbeite ich als Entwickler, Produktmanager und Berater und habe Apps und Systeme für große europäische Medienhäuser und Forschungsprojekte gebaut.
Dabei bin ich immer wieder bei denselben Fragen gelandet: wie wir denken, fühlen und handeln, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen — und wie wir die Welt verstehen, in der wir leben. Deshalb habe ich mich über die Jahre intensiver mit Psychologie, Neuroethik, kritischem Denken und Coaching beschäftigt.
Aktuell arbeite ich an einer neuen Reihe von Apps rund um Selbstcoaching, Denken und Kreativität — auf Basis von Psychologie, Neurowissenschaften und KI. Stay tuned!